Liegengelassenheit, 2019

Wenn ein Ton ein Gefühl auslöst

Im Atelier höre ich Musik, die in dem Moment zu meiner Stimmung passt, eine gefühlsmäßige Entscheidung. Die Ursachen für Gefühle sind oft schwer nachvollziehbar. Gedanken können ein Auslöser sein, manchmal kommt ein Impuls auch wie aus dem Nichts, aber sehr oft sind es Töne, Klänge, die Schwingungen erzeugen und einen Impuls auslösen. Töne dringen unmittelbar in uns ein.

Ich vertraue auf diese Impulse, auf die Intuition und das Gespür, das Zufällige und Unkontrollierte zuzulassen. Auf diese Weise versuche ich das Eingreifen des bewussten Verstandes und der Gedanken zu minimieren. Ich glaube, die entstandenen Objekte entfalten so eine ähnliche Wirkung wie die von Natur aus ungegenständliche Musik, gerichtet an das Gefühl, nicht an den Verstand, als unmittelbare Erfahrung, die nicht nach zusätzlicher sprachlicher Interpretation verlangt. Klangfarbe und Farbton als ungefilterte Impulse an das Trommelfell und die Netzhaut. 

In meiner ersten experimentellen Periode lernte ich eine für mich wichtige Lektion: Kunst ist nicht etwas, das im Voraus festgelegt oder geplant ist, sondern beginnt immer dann, wenn sie durch einen ersten Impuls entsteht. Indem man die Dinge andeutungsweise und reduziert lässt, gewinnt man beim Betrachter einen sehr viel größeren Spielraum für Assoziationen. Er braucht und gebraucht seine eigenen Vorstellungen und wird damit aktiver Teil am kreativen Prozess.Reduktion und Abstraktion sind für mich essenziell wichtig für das Entstehen von Ruhe und Stille – im Objekt, im Raum, im Kopf.  
Dazwischentöne, 2020

Worum geht es in Deiner Arbeit?

Ich bin nicht davon überzeugt, dass dies die richtige Beziehung zu dem ist, was wir als Künstler schaffen. Ich bin mir nicht sicher, ob es in der Kunst überhaupt um irgendetwas geht. Sie erklärt die Welt nicht und muss es auch nicht, und dennoch bleibt sie eine Form des Ausdrucks. Kunst ist eine Ich-Du-Begegnung, keine Ich-Es-Transaktion. Sie ist eher intrinsisch als extrinsisch. Ich wende mich der Malerei oder Bildhauerei zu, um sie zu erleben, um mich zu erleben. Prosa jeglicher Art muss diese Erfahrung nicht rechtfertigen oder herbeizaubern. Sobald die Arbeit abgeschlossen ist, ist sie bereits da. Und dann brauchen wir vielleicht gar nichts zu sagen. Vielleicht kann das Werk einfach leben, da sein und wirken. Wenn wir Musik hören, wollen wir sie verstehen oder ganz einfach empfinden? 
Quadraht, 2020
#2, 2017
Stand der Dinge, 2023

Hast Du Vorbilder und was hat Dich beeinflusst?

Ich denke, jeder von uns hat irgendwelche Vorbilder, bewusst oder unbewusst. Im Laufe der letzten Jahre habe ich mich mit einigen Künstlern tiefer beschäftigt, mit ihren Arbeiten, aber auch mit ihren Leben. Aber das kann beeinflussen und einen vom eigenen Weg abbringen. Anders ist es mit der Musik, die ich beim Arbeiten höre. Ich habe mir eine Playlist angelegt, die ständig wächst – ich habe sie «Listen to my work» benannt. Ich denke, Musik hat in Kombination mit dem Ort einen erheblichen Einfluss auf mein Schaffen. Ich hatte lange Zeit ein Atelier «In the middle of nowhere» in einem kleinen Bergdorf mitten in Bulgarien, wo mich niemand gestört hat. Das hat mich und meine Arbeit wohl am meisten geprägt. Dort konnte ich einfach Ich sein und alles rauslassen, was wohl irgendwie ans Tageslicht kommen wollte… insofern, beeinflusst hat meine Arbeit in erster Linie eins: mein eigenes Leben.

Netzhäute

Pierre Soulages, Eduardo Chillida, Robert Ryman, On Kawara, Richard Serra, Hans Arp, Chung Chang-Sup, Lee Ufan, Barbara Hepworth, …

Trommelfelle
Ólafur Arnalds, Nik Bärtsch, Ryuichi Sakamoto, Hania Rani, Anne Müller, Joep Beving, John Cage, Martin Kohlstedt, Nils Frahm, Vanessa Wagner, Jan Garbareck, …
Ichweiß, 2022
Jan-Peter Rieken
Hamburg | 1960 | Grafik Designer, Künstler, Schreiber, … 

Email
jp@rieken.art

Instagram
@rieken.art

Ausstellungen
Amsterdam, London, Brüssel, Île de Ré, Mailand, Parma, Hamburg, Stuttgart, Köln, … 

Sammlungen
Deutschland, Frankreich, Schweiz, England, Bulgarien, Belgien, Italien, USA, …
Atelier im bulgarischen Winter, 2021